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Wahrnehmung: Wie erzeugen unsere Augen ein stabiles Bild?
Die Humboldt-Universität zu Berlin teilt mit, dass Forschende am Exzellenzcluster Science of Intelligence (SCIoI) untersuchen, wie das Gehirn trotz der ruckartigen Bewegungen unserer Augen ein stabiles Bild erzeugt. Dafür nutzen sie Nachbilder als experimentelles Werkzeug, wie folgender Pressemeldung entnommen werden kann:

Entgegen der alltäglichen Erfahrung liefern unsere Augen
kein kontinuierliches, stabiles Bild der Welt. Sie springen stattdessen
mehrmals pro Sekunde in schnellen Bewegungen, sogenannten Sakkaden. Da das Auge
die Umwelt auf die Netzhaut projiziert, müsste sich unser Blick eigentlich
jedes Mal ruckartig verschieben, wenn sich die Augen bewegen. Unsere
Wahrnehmung wäre instabil. Um das zu verhindern, nutzt das Gehirn ausgefeilte
Mechanismen.
Eine Studie, die kürzlich in Science Advances veröffentlicht wurde, zeigt nun,
dass es gewöhnliche Nachbilder sind – verschwommene Umrisse, die wir etwa
sehen, nachdem wir in eine helle Lichtquelle geblickt haben –, die uns
Einblicke in diese Stabilitätsmechanismen liefern. Ein Team von Forschenden der
Humboldt-Universität zu Berlin (HU) und der Technischen Universität Berlin (TU)
hat unter der Leitung von Dr. Richard Schweitzer am Exzellenzcluster Science of
Intelligence (SCIoI) anhand solcher Nachbilder untersucht, wie genau das Gehirn
die visuellen Folgen der Augenbewegungen vorhersagt. Das Ergebnis: Diese
Vorhersagen sind erstaunlich präzise, enthalten aber eine kleine systematische
Abweichung.
Nachbilder als Fenster zu den internen Signalen des Gehirns
Um die Mechanismen des Gehirns zu untersuchen, mussten die Experimente in
völliger Dunkelheit stattfinden, also Bedingungen, die geradezu im Gegensatz
zum normalen Sehen stehen. Im Alltag liefert die visuelle Umgebung
kontinuierlich Rückmeldungen, die dem Gehirn helfen, die Augenbewegungen
einzuschätzen.
Bei den Experimenten saßen die Teilnehmenden im Dunkeln. Zunächst fixierten sie
einen hellen Lichtblitz, der ein Nachbild erzeugte. Anschließend blickten sie
zu einer zweiten, kurz aufleuchtenden Lichtquelle. Sobald das Nachbild deutlich
sichtbar war, erschienen kurze Testlichter an bestimmten Positionen. Die
Teilnehmenden gaben an, ob das Nachbild links vom Lichtpunkt, rechts davon oder
genau auf gleicher Höhe erschien. Aus diesen Antworten konnten die Forschenden
rekonstruieren, wo das Nachbild wahrgenommen wurde. Gleichzeitig zeichnete ein
Eye-Tracking-System präzise auf, wohin die Teilnehmenden tatsächlich blickten,
und erlaubte so den Vergleich zwischen Augenbewegung und Wahrnehmung.
Zentrale Erkenntnis: präzise Vorhersage des Gehirns – aber minimale Abweichung
Die Nachbilder folgten den Augenbewegungen erstaunlich genau: Je größer die
Augenbewegung, desto weiter schien sich auch das Nachbild im Raum zu
verschieben. Dennoch war die Übereinstimmung nicht perfekt.
„Im Durchschnitt entsprach die wahrgenommene Verschiebung des Nachbildes etwa
94 Prozent der tatsächlichen Augenbewegung“, sagt Dr. Richard Schweitzer,
Kognitionsforscher an der HU (mittlerweile Università di Trento) und Erstautor
der Studie. „Die Wahrnehmung folgt den Augenbewegungen also sehr genau – aber
eben nicht vollständig.“
Diese kleine Unterschreitung, in der Fachsprache als Hypometrie bezeichnet,
zeigte sich bei allen Teilnehmenden und blieb unabhängig von Richtung und Größe
der Augenbewegungen stabil. Das deutet darauf hin, dass es sich nicht um zufällige
Fehler handelt, sondern um eine systematische Ungenauigkeit in der Vorhersage
des Gehirns. Obwohl die Abweichung so gering ist, dass sie im Alltag kaum
bewusst wahrgenommen wird, liefert sie wichtige Hinweise darauf, wie das Gehirn
das Raumbild nach jeder Augenbewegung aktualisiert.
Warum ein kleiner Fehler sinnvoll sein könnte
Die minimale Diskrepanz ist möglicherweise ein erwartbares Merkmal des Systems.
Denn natürliche Augenbewegungen verfehlen regelmäßig ihr Ziel, etwa aufgrund
von Ermüdung der Augenmuskeln. Daher ist es plausibel, dass die interne
Schätzung des Gehirns dieses Verhalten widerspiegelt. Wenn Augenbewegungen
tendenziell leicht zu kurz geraten, ist es sinnvoll, auch eine etwas kleinere
Verschiebung der visuellen Szene zu erwarten. Entscheidend ist also
möglicherweise weniger eine perfekte Genauigkeit als vielmehr eine zuverlässige
Abstimmung zwischen Bewegung und Wahrnehmung.
Relevanz für die Robotik und andere Anwendungsgebiete
„Nachbilder sind ein nützliches Werkzeug, um zu untersuchen, wie das Gehirn die
visuelle Welt stabil hält, indem es die sensorischen Folgen eigener Bewegungen
vorhersagt“, sagt Schweitzer. Ein besseres Verständnis dieser Mechanismen
könnte über die Grundlagenforschung hinaus relevant sein, etwa auf dem Gebiet
der Robotik, der virtuellen Realität oder für die klinische Forschung zu
Störungen der Augenbewegung, bei denen eine zuverlässige Verknüpfung von
Bewegung und Wahrnehmung entscheidend ist.
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